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Warum Männer ihre Gefühle nicht benennen

Die meisten Männer sind nicht emotional verschlossen. Sie sind emotional untrainiert.

Das ist ein Unterschied. Verschlossen klingt nach einer Entscheidung oder einem Charakterfehler. Untrainiert heißt: Du hast nie die Wiederholungen bekommen. Für die meisten Männer kommt das der Wahrheit näher.

Das Problem mit dem Wortschatz

Nenne zehn Gefühle. Nur zu.

Glücklich, traurig, wütend, ängstlich. Die meisten Männer kommen schnell auf vier und werden dann langsamer. Forschende, die das emotionale Erleben untersuchen, katalogisieren Hunderte unterschiedlicher Zustände. Der durchschnittliche Mann arbeitet mit vielleicht einem Dutzend.

Das ist kein Intelligenzproblem. Es ist ein Problem mit dem Wortschatz. Wenn du kein Wort für etwas hast, kannst du nicht klar darüber denken. Und wenn du nicht klar darüber denken kannst, kannst du nicht darüber reden.

Frauen entwickeln im Schnitt früher im Leben einen größeren emotionalen Wortschatz — nicht wegen der Biologie, sondern weil die Kultur die Übung erlaubt und belohnt. Jungen lernen, zu unterdrücken, umzubenennen oder zu ignorieren. „Mir geht's gut“ leistet eine Menge Arbeit.

Was Alexithymie wirklich ist

Alexithymie ist der klinische Begriff für die Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. Das ist keine Diagnose, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es ist die Beschreibung einer Lücke im Können.

Sie ist häufig — Studien gehen von etwa einem von zehn Menschen aus — und durchgängig häufiger bei Männern als bei Frauen. Diese Schieflage ist nicht zufällig. Sie hängt direkt damit zusammen, wie Jungen sozialisiert werden.

Du wurdest nicht schlecht darin geboren. Es wurde dir abtrainiert.

Wut als Stellvertreter

Ein Muster taucht bei Männern, die mit dem Benennen von Gefühlen kämpfen, ständig auf: Wut als das beherrschende Gefühl.

Unruhig? Kommt als Gereiztheit raus. Verletzt? Kommt als kalter Rückzug raus — oder als Ausraster. Verängstigt? Kommt als Aggression raus. Traurig? Kommt als gar nichts raus — bis es das nicht mehr tut.

Wut ist das eine Gefühl, das Männern schon immer gesellschaftlich erlaubt war. Also wird sie zum Kanal, durch den alles andere läuft. Das Problem: Sie überträgt das Signal nicht sauber. Die Menschen um dich herum können nicht hören, was du eigentlich sagst.

Warum „Red doch einfach drüber“ nicht funktioniert

Der Standard-Rat lautet: Mach dich auf. Sei verletzlich. Sprich mit jemandem.

Der Rat stimmt. Die Reihenfolge stimmt nicht.

Reden setzt voraus, dass du Worte hast. Worte zu haben setzt voraus, dass du das Erleben erst einmal erkennen kannst. Die meisten Ratschläge zu emotionaler Kompetenz überspringen das Erkennen und springen direkt zum Ausdrücken — deshalb sitzen Männer in einem Gespräch, sagen „Ich weiß nicht“ und meinen es ernst.

Die Arbeit liegt davor. Du musst erst benennen, dann aussprechen.

Wie du die Fähigkeit wirklich aufbaust

Emotionale Kompetenz ist Übung, keine Erleuchtung. Sie wächst wie jede Fähigkeit: Wiederholung, Rückmeldung, Anpassung.

Der Gewinn sind nicht nur Beziehungen

Männer mit stärkerer emotionaler Kompetenz berichten von weniger Angst, besserer Gesundheit und größerer Zufriedenheit im Leben. Das ist kein Wohlfühlkram.

Die Männer, die diese Arbeit machen, werden nicht weniger sie selbst. Sie werden lesbarer — für die Menschen in ihrem Leben und für sich selbst.

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